„Bevor sich ein Adept der deduktiven Wissenschaften den schwierigeren geistig-moralischen Aspekten widmen kann, muss er die elementaren Probleme zu meistern verstehen. Er muss lernen, mit einem Blick auf einen seiner Mitmenschen dessen Geschichte zu erfassen sowie Stand und Beruf des Mannes zu erkennen.“ [STUD]

 

In dieser ersten Sonderfolge zu Dr. Joseph Bell lernen wir Geschichte und Werdegang jenes profilierten Mediziners kennen, welcher eine wichtige Rolle im Leben Arthur Conan Doyles spielen sollte. Allerdings hat Joe Bell – wie er seinerzeit in Edinburgh allgemein genannt wurde – auch abseits seines Einflusses auf ACD  eine historische Bedeutung. Er war ein brillanter Arzt, ein herausragender Chirurg und ein Pionier diverser gesellschaftlicher, politischer und medizinischer Neuerungen. Bell war bekannt als Menschenfreund, als liebevoller Familienvater und seinen Patienten zugewandter Doktor. Christlich erzogen und klassisch gebildet, widmete Bell sich als verantwortungsbewusster Bürger der Weiterentwicklung des Gemeinwesens.

Folgt uns ins Edinburgh des 18. und 19. Jahrhunderts, um mehr über diese faszinierende Epoche zu erfahren. Die Stadt ist im aufklärerischen Aufbruch begriffen und entwickelt sich von einem desolaten mittelalterlichen Gemäuer zu einer modernen Metropole. Bildungsaufschwung, medizinische Revolutionen und kriminologische Entwicklungen sind zu beobachten. Es gibt aber auch diverse Kuriositäten und Schattenseiten zu entdecken.

In dieser Folge versuchen wir, eine Einführung in die reichhaltige Geschichte der schottischen Kapitale und ihrer medizinischen Fakultät zu geben. Wir illustrieren Vorgänge verschiedenster Art, um letztlich alle Fäden bei Joseph „Joe“ Bell zusammenlaufen zu lassen. Auf Arthur Conan Doyle treffen wir hier allerdings noch nicht – seine Beziehung zu Bell wird uns in der kommenden Episode beschäftigen. Einen spannenden Nachtrag gibt es jedoch zu einer Debatte um den exakten Studienbeginn Conan Doyles.

 

Download: Dr. Doyle & Mr. Holmes – Folge 04: Joseph Bell, Edinburgh und die Medizin

 

Genutzte Quellen

Ely M. Liebow – Dr. Joe Bell: Model for Sherlock Holmes

Jessie M. E. Saxby – Joseph Bell: An Appreciation by an old Friend

Alan Mackaill / Dawn Kemp – Conan Doyle & Joseph Bell: The Real Sherlock Holmes

Owen Dudley Edwards – The Quest for Sherlock Holmes

The Arthur Conan Doyle Encyclopedia

Wikipedia

Shownotes

Neuigkeiten & Hinweise

Arthur Conan Doyle

Anmerkung zum Photo: Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich tatsächlich nicht um Arthur Conan Doyle. Nach ausgiebigen Vergleichen mit genuinen Bildern Conan Doyles sind sich diverse Experten hier sicher.

Nach Erkundigungen, die Alexis Barquin von der Arthur Conan Doyle Encyclopedia beim Anbieter unternommen hat, ist die Provenienz der versteigerten Stücke unklar. Sie sollen „aus einem Haus nahe Edinburgh“ stammen.

Zum 200. Geburtstag Queen Victorias

Rudyard Kiplings Dschungelbuch wird 125 Jahre alt

Anmerkung: Conan Doyle schätzte Kipling als Autor über die Maßen. In seinem sehr persönlichen Literaturessay Through the Magic Door stellt er ihn neben Größen wie Poe und Stevenson. Als ACD auf einer Vortragsreise in den USA unterwegs war, um über englische Literatur zu sprechen, nannte er dabei auch Kipling und beschrieb diesen als „Englands besten Romancier seit Charles Dickens.

Kipling lebte in den 1890er Jahren mit seiner Frau im neu-englischen Vermont. Er lud ACD dorthin ein, als er von dessen Anwesenheit in den Staaten erfuhr. Da Kipling aufgrund seiner pro-kolonialistischen Haltung weniger gelitten war, zögerte ACD zunächst – um die Einladung später aber doch anzunehmen. Man verstand sich offenbar bestens; an seine Mutter schrieb Conan Doyle: „Kipling ist ein Prachtkerl!“.

Neuerscheinungen auf dem Buch- und Magazinmarkt

Neuerscheinungen aus dem Hörspielmarkt

Dokumentation The Shackles of Sherlock

Neue Serie basierend auf Der Name der Rose

Nachtrag zu ACDs Studienbeginn

Brian W. Pugh & Paul R. Spiring – Auf der Spur von Arthur Conan Doyle. Eine Rundreise durch Devon – Hier wird der genannte Brief von Thomas Gilbert aus dem Mai 1882 an das RCP zuerst zitiert

Brian W. Pugh – A Chronology of the Life of Sir Arthur Conan Doyle (Überarbeitete Version von 2018) – Hier repliziert Pugh den Brief Gilberts auf Seite 226

Erwähnte Personen

Familie Bell

  • Ur-Großvater Benjamin Bell (1749 – 1806)
  • Großvater Joseph Bell (1786 – 1848)
  • Vater Benjamin Bell (1810 – 1883)
  • Joseph „Joe“ Bell (1837 – 1911)
  • Edith Katherine Erskine Murray (Joe Bells Ehefrau)

Die ACD Encyclopedia hält diverse Bilder von Joseph Bell bereit

Die Familie Monro, maßgebliche Gestalter der „medical school“ von Edinburgh

Alexander Wood – Schottischer Chirurg und Exzentriker. Nicht zu verwechseln mit dem schottischen Mediziner und Injektions-Pionier Alexander Wood (1817 – 1884)

Sir Robert Liston – Schottischer Chirurg und Pionier der Anästhesie

Robert Knox – Schottischer Mediziner, der durch seine Verwicklung in die „Burke-und-Hare-Morde“ berühmt-berüchtigt wurde

James Syme – Schottischer Chirurg und Mentor Joe Bells

William Gairdner – Schottischer Medizinprofessor, der Joe Bell einen eigenen Praxisraum in der Universitätsklinik verschaffte

John Goodsir – Schottischer Anatom und Pionier der Pathologie, dessen „demonstrator“ Joe Bell über zwei Jahre war

Thomas Annandale – Britischer Chirurg und Konkurrent Joe Bells in Edinburgh

Florence Nightingale – Britische Krankenpflegerin, die die Krankenpflege zur Mitte des 19. Jahrhunderts revolutionierte. Bell korrespondierte mit ihr und wurde dadurch ermutigt, in Edinburgh eine Ausbildung für Krankenschwestern einzurichten

Sophia Jex-Blake – Britische Ärztin und Feministin. Sie war eine Vorreiterin im Kampf um die Zulassung von Frauen für das reguläre Medizinstudium

Sir Patrick Heron Watson – Schottischer Chirurg und Pionier der Anästhesie. Er forderte Joe Bell in den frühen 1870ern auf, den Posten des Herausgebers beim Edinburgh Medical Journal zu übernehmen

Sir Henry Littlejohn – Schottischer Chirurg und forensischer Wissenschaftler. Als Pionier der Kriminologie arbeitete er gemeinsam mit Joe Bell als „Assistant to the British Crown“ an Kriminalfällen. Neben Bell gilt er als maßgeblicher Einfluss für die Figur des „Sherlock Holmes“

Sir Walter Scott – Bedeutender schottischer Autor

Robert Burns – Schottischer Nationaldichter

Sir Alexander Boswell – Sohn des Autors James Boswell. Sir Alexander kam im Zuge einer Streitigkeit um einen von ihm verfassten Artikel in der konservativen Skandalzeitung The Beacon ums Leben

Im Unterricht auf der Edinburgh Academy befasst sich Bell mit Aristoteles, Voltaire und Schiller sowie Shakespeare und Milton

Lord Byron – Poet der englischen Romantik

Thomas Hodgkin – Britischer Arzt und Entdecker des Hodgkin-Lymphoms

Georges Cuvier – Französischer Naturwissenschaftler. Pionier der Zoologie und Vater der Paläontologie

Erwähnte Orte

Die Englisch-Schottischen Grenzlande, einst Stammsitz der Familie Bell

Edinburgh – Die schottische Hauptstadt

Die Universitäten von Paris und London – Hier studierte Joe Bells Ur-Großvater Benjamin an den entsprechenden medizinischen Fakultäten bzw. Colleges

Universität Leiden – Joe Bell überlegte nach der Schule, hier Medizin zu studieren

Sachsen, Preußen und Hannover – Hier lehrten Mediziner aus Edinburgh im 19. Jahrhundert

St. Bartholomew’s Hospital – Auch kurz „Bart’s“ genannt. Hier lernte Robert Knox (später arbeitete hier auch ein gewisser Dr. John Watson)

Südafrika – Im 19. Jahrhundert niederländische Kolonie. Hier war Robert Knox am Kap der guten Hoffnung in einem von britischen Empire besetzen Bereich stationiert

 

Erwähnte Werke

Marmion – A Tale of Flodden Field – Ein Versepos Sir Walter Scotts

Helen of Kirkconnel – Ballade Scotts, die auf einer Begebenheit bzw. einer Legende der Kleinstadt Kirkconnel basiert

A System of Surgery – Sechsbändiges Handbuch zur Chirurgie, verfasst von Joe Bells Ur-Großvater Benjamin und publiziert zwischen 1783 – 1788. Gilt als erste wissenschaftliche Arbeit zum Thema und war seinerzeit ein entsprechend bahnbrechendes Standardwerk

Der Leichenräuber – Phantastische Kurzgeschichte Robert Louis Stevensons, welche die Geschehnisse um Robert Knox bzw. die Morde von Burke und Hare fiktionalisiert zum Thema hat. Erwähnte Verfilmungen des Stoffes sind Der Leichendieb (1945) mit Boris Karloff und Bela Lugosi sowie – allerdings an dem realen Fall orientiert – Der Arzt und die Teufel (1960) mit Peter Cushing (hier gesprochen von Erich Schellow) und Donald Pleasence

The Cornhill Magazine – Wichtiges und erfolgreiches Gesellschafts- und Literaturmagazin der viktorianischen Ära. Hier bringt Joe Bell einen Artikel über Gartengestaltung unter. Die genannten Autorinnen und Autoren sind Wilkie Collins, Henry James, Thomas Hardy und Elizabeth Gaskell

Edinburgh Medical Journal  – Zu Bells Zeiten eines der wichtigsten Fachorgane weltweit. Bell veröffentlichte er hier bzw. übernahm später sogar den Posten des Herausgebers

Manual of the Operations of Surgery – Von Joe Bell im Jahre 1866 publiziertes Handbuch der Chirurgie, das zum Standardwerk seiner Zeit avancierte

Medizinische und historische Begriffe

Anästhesie – Medizinische Methodenlehre zur Betäubung der Patienten

The Edinburgh Golden Age of Education

  • Buch zum allgemeinen Auftrieb der Stadt im Zuge der Aufklärung
  • Wiki-Artikel zur Bildungsgeschichte des Landes im 19. Jahrhundert

Industrielle Revolution

„Yellow Press“ / Boulevardjournalismus

Schlacht bei WaterlooNapeolons letzte Schlacht, die im Jahr 1815 geschlagen wurde. Hier diente Robert Knox als Militärarzt unter General Wellington

Leichenräuberei und der Anatomy Act – Wichtige Begriffe im Kontext der Geschehnisse um Robert Knox und die „Burke-und-Hare-Morde“

Royal Medical Society – Alumni-Gesellschaft der Edinburgh Medical School, deren Vorsitzender Joe Bell zeitweise war

High Constables of Edinburgh – Frühe Polizeitruppe in der schottischen Hauptstadt, für die Joe Bell in den Anfängen der modernen Kriminologie zeitweise tätig war

„Battle of the Sites“ – Harte öffentliche Debatte in Edinburgh um den optimalsten Standort der Universitätsklinik. Auf unterschiedlichen Seiten verwickelt waren Joe Bell und sein Mentor James Syme

Diphterie – Joe Bell steckte sich mit dieser gefährlichen Krankheit durch die Behandlung eines kleinen Mädchens an und kämpfte in der Folge mehrere Monate mit der Infektion. Sein Nervensystem wird dauerhaft geschädigt, sodass er eine Fistelstimme zurück behält und sein Leben lang humpeln sollte

Graphologie – Lehre von der Handschrift als Ausdruck des Charakters

Dialektologie – Sprachwissenschaftliche, auf Erkenntnisse bezüglich der sprechenden Person ausgerichtete Erforschung von Dialekten

Präventivmedizin – Joe Bell sah dieses Gebiet in den 1870er Jahren angesichts grassierender Krankheiten als enorm wichtig an und war seiner Zeit damit voraus

Sonstiges

Cricket

Hailes – Variante der Spiele Shinty bzw. Hurling. Es gilt heute als ausgestorben, lediglich an der Edinburgh Academy wird es aus Tradition am Leben erhalten

Fechtsport

Credits

Musik: Auszüge der Barcarole von Jacques Offenbach aus der Oper Hoffmanns Erzählungen. Arrangiert, gespielt und aufgenommen von Jeremine

Übersetzungen: Angefertigt von Nils Gampert

Titelbild: Durch Thomas H. Sheperd angefertigte Illustration des Buches Modern Athens, displayed in a series of views; or, Edinburgh in the nineteenth century; exhibiting the whole of the new buildings, modern improvements, antiquities, & picturesque scenery of the Scottish metropolis & its environs, herausgegeben von John Britton (1829, Jones & Co., London)

Lizenzfreie Quelle